Zitat: ‚Im Gegensatz zu ihrem gesetzten Mann (geboren 1881) war Saulmanns Gattin Agathe (geboren 1898) eine schillernde Persönlichkeit. Die vermögende Dreißigerin […] galt als ebenso kunstbeflissen wie sportlich und extravagant. […] Rund um den Erlenhof […] konnte man der jungen Gutsherrin bei ihren morgendlichen Ausritten begegnen, und nachmittags fuhr sie regelmäßig mit ihrem beigen Wanderer–Kabriolett nach Eningen ins Kontor.
In den Jahren 1931 bis 1933 jedoch, das war jedes Mal die Sensation, vernahm man über den Dächern der Stadt immer wieder ein lautes Gebrumm. Dann zeigten die Leute zum Himmel auf einen kleinen Eindecker und erklärten ihren Sprösslingen: „Do fl iagt d‘ Saulmänne.“‘ [aus: Ulrich Mohl, Die Geschichte vom Erlenhof, 2002]


Die Tochter des berühmten und erfolgreichen Berliner Architekten jüdischer Herkunft Alfred Breslauer, heiratete 1926 in zweiter Ehe den Eninger Fabrikanten der Buntweberei Ernst Saulmann, ebenfalls jüdischer Herkunft. „Ihre Ehe (1915) mit Jan de Marez Oyens ging in die Brüche, sie begann zu arbeiten und erzog daneben die 1916 geborene Tochter Nina.“ [aus: „Bilder meines Lebens“ von ihrer jüngeren Schwester Marianne Feilchenfeld Breslauer, 2001]. Nina wuchs bei ihrem Vater in den Niederlanden und später in der Schweiz auf.

Im Jahr 1927 stand der 1904 vom Stuttgarter Architekten Theodor Fischer entworfene idyllische Landsitz Erlenhof des Pfullinger Mäzens Louis Laiblin, nach dessen Tod am 10. Februar 1927 in städtisches Eigentum übergegangen, zum Verkauf. Das Ehepaar Saulmann kaufte der Stadt das in freier Landschaft liegende Anwesen ab und gestaltete es zu einem „edlen“ Landsitz um, der den gehobenen Ansprüchen des Fabrikantenpaars entsprach. Sie bestückten das Anwesen mit spätgotischen Skulpturen, Renaissance-Gemälden, kunstvollen antiken Möbeln, Majolika-Gefäßen und einer umfangreichen Kunstliteratursammlung. Ihre Schwester Marianne erinnert sich: „Das Haus war von einer weiten Wiese umgeben, und als Agathe das sah, meinte sie, das sei doch ein idealer Flugplatz. Kaum hatte sie diese Idee geäußert, schenkte ihr Saulmann auch schon eine zweisitzige Propellermaschine, die Agathe, kühn wie sie war, unverzüglich zu pilotisieren lernte.“

Das schöne Leben in ihrem Pfullinger Kunstkosmos währte nur kurz.
Im April 1933 begann nach Hitlers Machtübernahme der nationalsozialistische Judenboykott. Es folgte in ihrer Abwesenheit die erste Hausdurchsuchung, das geliebte Kleinflugzeug wurde konfisziert. Die Firma geriet in wirtschaftliche Probleme. 1935 traten die sog. Nürnberger Rassegesetze in Kraft, die nicht nur Hetzreden und Bedrohungen sondern auch die Beschlagnahme des Betriebsvermögens und Zwangsverkauf des Erlenhofs zur Folge hatte. Ihre hochwertige Kunstsammlung ging ihnen verloren.




Weihnachten 1935 packte Agathe Saulmann, um einer drohenden Verhaftung zu entgehen, in letzter Sekunde die Koffer, holte ihren inzwischen nervenkrank gewordenen Mann aus dem Stuttgarter Krankenhaus und fuhr mit ihm mit dem nächsten Zug nach Florenz in ihr zweites Wohnhaus.




Im März 1936 wandte sich Agathe von Florenz aus verzweifelt an den Münchner Kunsthändler Julius Böhler. Sie hatten wegen der überstürzten Flucht die Reichsfluchtsteuer nicht bezahlt, somit erfolgte schon im Januar 1936 die Pfändungsverfügung des Finanzamtes Reutlingen.
Nachdem Böhlers Mitarbeiter die Kunstgegenstände im Beisein von Finanzbeamten vor Ort im Erlenhof geschätzt hatte, schlug Böhler das neu gegründete Auktionshaus Weinmüller, an dem er selbst stiller Teilhaber war, für den Verkauf der Sammlung vor.



Die erste von drei Auktionen fand im Juni 1936 statt.
Hierbei wurden über 100 Objekte und Teile der Bibliothek veräußert, darunter als Los 135 eine Madonna mit Kind, die Böhler zum Preis von 1.350 RM selbst erwarb. Das Verzeichnis der Besitzer im Auktionskatalog führte die Herkunft der Objekte anonymisiert als S. in R. auf, die offizielle Provenienz lautete hingegen: „Aus der Sammlung Johannes Noll, Frankfurt/M.“ Perfide Verschleierung.
Im März 1937 bot Böhler die Skulptur dem Frankfurter Liebieghaus, Skulpturenmuseum, zum sechsfachen Preis an.
1937 erfolgte der Entzug der Staatsbürgerschaft und die ‚Arisierung‘ der Firma durch eine Zwangsversteigerung.
1938 mussten sie Italien verlassen, in Nizza gerieten sie in die Hände des französischen Vichy-Regimes und wurden im franz. KZ Gours interniert. Vor der drohenden Deportation in ein Vernichtungslager konnten sie fliehen und untertauchen.


Beide wurden sehr krank. Ein Jahr nach der Befreiung starb Ernst Saulmann in Paris. Agathe Saulmann litt unter Verfolgungswahn, verübte mehrere Selbstmordversuche.
Sie kehrte 1947 als französische Staatsbürgerin nach Eningen zurück. 1948 reichte sie Klage bei der Restitutionskammer des Landgerichtes Tübingen ein, den Erlenhof Pfullingen erhielt sie 1949 zurück. Er war ausgeraubt, anderweitig bewohnt, so dass sie ihn rasch für eine niedrige Summe verkaufte.
Sie führte einen Restitutionsprozess. 1950 akzeptierte sie einen Vergleich, eine Abfindung von 100.000.- Mark.
Am 18. Juni 1951 nahm sie sich in Baden-Baden das Leben.


Agathe Saulmanns Tochter Nina de Marez Oyenz nahm die Restitutionsklagen auf. Ihr wurde mitgeteilt, dass sämtliche Unterlagen verbrannt seien.
Erst 2013 fand Auktionshaus Nachfolgerin Karin Stoll, (Tochter / heute Neumeister) im Keller die Auktionskataloge und übergab sie dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München. Nun konnten einige Kunstwerke aus dem Erlenhof identifiziert und der Erbengemeinschaft zurückgegeben werden.
Darunter:
Die Mutter Gottes (Alabastermadonna) im Liebieghaus (die eben genannte Nr. 135)

– Das Relief aus Lindenholz Drei Engel mit dem Christuskind (Bode Museum Berlin)
– Eine Renaissancetruhe im Landesmuseum in Münster.
Nach der Restitution an die Erbengemeinschaft kauften die Museen einige der Werke dauerhaft zurück.
Der Verbleib des größten Teils der 200 Kunstwerke der Sammlung Saulmann, auch derjenigen aus Florenz konnten nicht restituiert werden.
Wir wollen das Schicksal der beiden Mitbürger nicht vergessen. Sie wurden entrechtet, enteignet, verfolgt. Sie waren Opfer der antisemitischen Verbrechen des Nationalsozialismus.
Prof. Waltraud Pustal
Vors. Geschichtsverein Pfullingen e. V.


